Der Historiker Marco Jorio schreibt dies so im NZZ-Feuilleton vom 1.4.2023, die Schweizer Neutralität sei nichts als ein «mythisch überhöhter Selbstzweck». Er findet, die Schweiz habe im Laufe der Geschichte die Neutralität immer wieder neu «erfinden» müssen und auch heute müsse unser Land dies tun. Jorio dekonstruiert die Neutralität – so offenbar auch in seinem neuen Buch – als «wandelbares Konzept», das man einfach immer wieder dem Zeitgeist anpassen müsse.
Das hat allerdings rein gar nichts mit der historisch gewachsenen und real gelebten Schweizer Neutralität zu tun, im Gegenteil. Hätte die Schweiz in der Vergangenheit die Neutralität einem solchen Relativismus preisgegeben, sie wäre heute nicht mehr in den Köpfen und Herzen der Menschen weltweit und in der Schweiz.
Auch darf die Schweizer Neutralität, so wie das Jorio fälschlicherweise macht, nie von den humanitären Werken wie dem IKRK und den Guten Diensten künstlich getrennt werden. Sie dient eben nicht nur der eigenen staatlichen Existenz und Sicherheit, sondern fördert aktiv durch Vermittlung den Frieden und das Humanitäre Völkerrecht. Deshalb frönt die Schweiz bis jetzt auch nicht dem Irrsinn, auf Druck der USA und der EU mit direkten oder indirekten Waffenlieferungen einen «humanitären Zweck» erfüllen zu wollen.
Was Jorio «mythisch überhöht» nennt, ist in Tat und Wahrheit die Essenz der Schweizer Neutralität, die nun aber arg in Bedrängnis geraten ist und hoffentlich bald mithilfe der Neutralitäts-Initiative diskutiert und wieder konkretisiert werden kann.
Dr. phil. René Roca ist Gymnasiallehrer und Leiter des Forschungsinstituts direkte Demokratie FIDD