Man hofft irgendwie, der peinliche Auftritt von Bundesrat Ignazio Cassis zu Beginn des Ukraine-Krieges – Selenski sei doch fast äs Bitzeli sein Freund – gehe langsam vergessen. In Russland gings schon mal nicht vergessen. Auch sonstwo registriert man solche Kapriolen. Und stellt fest: Der Schweiz liegt scheinbar nicht mehr viel dran, im Nationengefüge dieser Erdkugel die wichtige Rolle eines neutralen Staates wahrzunehmen.
Zur Wiederholung: Neutralität heisst, stille zu sitzen. Kein Besserwissen, kein überall hinein-moralisieren. Moralismus (genau wissen wollen, wer/was gut/schlecht ist) ist weltweit gerade «in». Wer im Moralismus-Einheitsbrei mitdümpelt, selbstverständlich und automatisch auf der «guten» Seite, sagt dann in jedes Mikrofon: «Das fühlt sich richtig an», und der SRF-Journalist bewundert ihn/sie.
Blindlings den tagesaktuellen Gefühlen folgen und im Moralismus mitmachen? Ukraine-Fahnen ans Bundeshaus hängen? Selenski hofieren? Besser nicht! Auch wenn Gegenwind kommt: Neutralität aushalten. Stillsitzen. Nicht beim ersten Lüftchen einknicken.
Oder, WENN SCHON: Selenski und Putin in die (noch, einigermassen) neutrale Schweiz einladen, «ihr zwei, redet miteinander!»
Aber eben, weil Russland die Cassis-Kapriolen nicht vergisst, kommt Putin vermutlich nicht mehr in die Schweiz… Geschirr zerschlagen, Chance zerstört.
SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi versucht in diesem Tagen, dass die Schweiz nicht noch mehr Geschirr zerschlägt. Denn das Einheitsbrei-Bundesbern, das «sich richtig anfühlen will», lernt irgendwie nichts. Man will zur Eröffnung der Sommersession Selenski für eine Rede ins Bundeshaus reinlassen (Videoschaltung). Die Ukrainische Botschaft in Bern lädt ihren Staatschef grad selber ein, National- und Ständerat machen sofort den Bückling.
Gut, dass Aeschi dem entgegenhält. Und gut, dass Moskau auch das registriert – gemäss Blick habe Russlands staatliche Nachrichtenagentur über die Gegenwehr von Thomas Aeschi berichtet.
Liebe Räte: Anstatt «sich richtig anzufühlen» – zieht das «Nein, Herr Selenski» durch. Auch wenn die sich-gut-Fühler dann Zetermordio schreien. Auch wenn die SRF-Journalistin euch dann nicht bewundert.
Ich lehne es ab, dass der ukrainische Präsident im Nationalratssaal eine Videoansprache hält (diesen Antrag habe ich im Büro gestellt). Die Ukraine versucht direkt Einfluss auf den parl. Entscheid betr. Waffen-/Munitionslieferungen zu nehmen. Unsere Neutralität wird verletzt! pic.twitter.com/9Y7LWQ2co3
— Thomas Aeschi (@thomas_aeschi) May 5, 2023