Trotz kriegerischen Zeiten ist die Aktie Neutralität deutlich unterbewertet. Das gilt für die nationale wie für die internationale Ebene. So übersehen die neutralitätsmüden Bundesräte, Parlamentarier und Diplomaten geflissentlich den heutigen 12. Dezember. Dabei würde es sich gerade für die Schweiz um ein besonders wichtiges Datum handeln. Jedes Jahr begeht die Welt am 12. Dezember nämlich den Internationalen Tag der Neutralität.
Wie kam es dazu? Am 2. Februar 2017 hat die Uno-Generalversammlung beschlossen, jeweils am 12. Dezember des Werts der Neutralität für eine friedlichere Welt zu gedenken. War es die formell noch immer dauernd bewaffnete, immerwährend neutrale Schweiz, die diesen Antrag eingebracht hat? Schön wärs. Nein, es war die ehemalige Sowjetrepublik Turkmenistan. Eine klare Mehrheit von etwa 120 Staaten unterstützte das Begehren. Und zwar mit der bemerkenswerten Erklärung, «dass die nationale Neutralitätspolitik einiger Staaten zur Stärkung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit beitragen und eine wichtige Rolle bei der Entwicklung gegenseitig vorteilhafter Beziehungen zwischen den Ländern der Welt spielen kann».
Ganz besonders heben die Vereinten Nationen jene sechs Länder hervor, die durch ihr Vorbild der Neutralität zu «internationalem Frieden und Sicherheit» beigetragen hätten. Genannt wird unter anderen auch die Schweiz. Nur will man hierzulande davon nichts wissen, obwohl unser Land eigentlich Uno-Mitglied ist. Doch am 12. Dezember werden SRG und Parlament den Neutralitätstag mit Totschweigen abstrafen.
Der Deutschlandfunk spottet über diesen Uno-Tag der Neutralität: Man könne an den entsprechenden Feierlichkeiten ja weisse Fahnen schwenken, Lieder mit nichts als Pausen absingen, wobei die Herren «Adamskostüm», die Damen ein «Nichts von einem Kleid» tragen sollten. Servieren solle man «pH-neutrales Wasser ohne Kohlensäure». Und zum Essen «Windbeutel». Nur gibt es in der Schweiz gar keine Windbeutel. In Deutschland aber umso mehr. Die meisten von ihnen sitzen in der Regierung.
Prof. Dr. Christoph Mörgeli ist alt Nationalrat und Vorstandsmitglied Pro Schweiz